Kleinkinder Stillen – wer macht denn sowas?

„Wieso ein Beitrag über Kleinkinder Stillen? Was ist daran so anders, als das Stillen von einem Baby?“ , mögen sich manche Fragen. Andere fragen vielleicht eher: „Ein Kleinkind stillen? Wer macht denn sowas?“. Und es ist ja wirklich so, dass man nur selten mal ein Kleinkind sieht, das gestillt wird. Tatsächlich werden aber doch noch so einige Kleinkinder gestillt – meist zu Hause. Es fehlen aber die Vorbilder und vielleicht auch die Salonfähigkeit. Ich fange daher mal eher fachlich mit der Frage „Warum ein Kleinkind stillen?“ an.

Empfehlung der WHO

Die WHO (World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt das Stillen nach Bedarf bis mindestens zum zweiten Geburtstag – gerne darüber hinaus, wenn es Mutter und Kind wollen. Und ich möchte hier ein mal ganz klar betonen: diese Empfehlung gilt weltweit.

Warum ist das so? Muttermilch enthält – entgegen mancher Behauptungen – auch weiterhin viele wichtige Nährstoffe und insbesondere auch Antikörper. Dies ist gleich doppelt gut: oftmals ist bei einer (schweren) Erkrankung Muttermilch das einzige, was noch akzeptiert wird und kann so vor Dehydrierung schützen und gleichzeitig Nährstoffe liefern. Zum anderen enthält die Muttermilch die Antikörper der Mutter und hilft so dem Immunsystem des Kindes bei der Abwehr der Infektion.

Neben diesen nüchternen Fakten, liefert das Stillen dem Kleinkind aber auch weiterhin Sicherheit, Beruhigung und Nähe. Alles grundlegende Bedürfnisse von Säulingen, (Klein-)Kindern und auch den meisten Erwachsenen, wenn man mal ehrlich ist.

Das Natürliche Abstillalter

Die WHO sieht also das Stillen von Kleinkindern (= Einjährige und älter) als natürlich und erstrebenswert an – und macht damit nochmal ganz deutlich, dass das Abstillen vor dem ersten Geburtstag in den meisten Fällen nicht vom Kind ausgehen wird. Macht man sich auf die Suche nach einem „natürlichen Abstillalter“, so findet man ein recht großes Intervall, das von 2,5 bis 7 Jahren geht. Man hat hierfür Beobachtungen aus dem Tierreich auf den Menschen übertragen. Bei anderen Säuglingen hängt das Abstillalter unter anderem mit der Immunsystemreife, der Gewichtszunahme (Nachwuchs hat das x-fache seines Geburtsgewichts erreicht) und dem Gebissstatus (Milchzähne vs. Bleibende Zähne) zu tun.

Eine weitere Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Menschenkinder im Schnitt 2,8 Jahre gestillt werden. Auch ohne, dass man die genauen Zahlen der Studie kennt, kann man daran schon erkennen, dass wir mit den sieben Monaten, die ein Kind in Deutschland durchschnittlich gestillt wird, sowohl ganz weit entfernt vom Durchschnitt sind, als auch ganz weit entfernt von denen, die am längsten Stillen. Es gibt sowohl individuell, als auch kulturell, immense Unterschiede.

Die Salonfähigkeit

Bereits im zweiten Lebenshalbjahr stellen sich die Fragen des Umfelds von ganz alleine ein: „Wie viel isst er*sie denn schon?“, „Wie oft stillt ihr denn noch?“, „Ihr stillt noch?“. Und dabei reden wir hier immer noch über ein Säugling! Breifahrplan und Werbung tun ihr eigenes dazu, dass der Eindruck entsteht, dass man im Laufe des zweiten Lebenshalbjahres abgestillt haben sollte.

Spätestens dann, wenn der erste Geburtstag vorbei ist, das Kind sicher geht und vielleicht auch schon sehr gut artikulieren kann, dass es jetzt gerne „Mumi“, „Mi“, „Milch“ oder schlicht „Mama trinken“ will, kommen viele verwunderte Blicke und auch der ein oder andere übergriffige Kommentar lässt nicht lange auf sich warten. Hier eröffnet sich eine komplett neue Liga der Stillmythen, die zum Besten gegeben werden.

Aber woher kommt es, dass das Stillen von Kleinkindern irgendwo zwischen ungewohnt bis verpöhnt ist? Ich glaube, man muss hier ein wenig differenzieren.

Von Vorbildern, Informationsfluss und Politik

Zum Einen ist da die Unwissenheit: viele kennen aktuelle, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Stillen, der Muttermilch, Ernährung, Bindung, oder Erziehung einfach nicht. Dazu kommen die oben schon erwähnten Mythen. Werdenden Eltern kann da wohl kein Vorwurf gemacht werden, sie hätten sich zu wenig informiert, denn sie geben sich meist vertrauensvoll in die Hände von Fachpersonal und gehen davon aus, dass sie alles wichtige erfahren werden. Außerdem hat man ja auch mit der Schwangerschaft an sich, allen behördlichen Dingen und weiteren Vorbereitungen genug zu tun. Hier sehe ich eigentlich das beschriebene Fachpersonal in der Pflicht 1. sich selbst weiter zu bilden und 2. Informationen entsprechend wertfrei verfügbar zu machen bzw. weiterzugeben. Leider wird es aber auch diesen nicht gerade einfach gemacht – und spätestens jetzt sehen wir, dass Stillen eben doch ein politisches Thema ist.

Dann sind es aber auch ganz unbedingt fehlende „Stillvorbilder“. Uns fehlt das Dorf an allen Ecken und Enden. Kaum jemand wächst mehr so auf, dass er*sie um sich herum stillende Mütter sieht. Wir müssen als Gesellschaft wieder an einen Punkt kommen, dass es normal ist, Stillkinder in der Öffentlichkeit zu sehen. Und da helfen die Blicke und Kommentare wenig. Zum Anderen ist es natürlich so, dass sich die Stillbeziehung zu einem Kleinkind ganz anders gestaltet, als zu einem Baby. Während ein Baby da keine Kompromisse macht, wenn es an die Brust will, kann man mit einem Kleinkind schon andere Absprachen treffen und ihm erklären, dass es kurz warten muss, dann aber Milch bekommt. Oder man nur noch daheim oder zum Einschlafen stillt. Gleichzeitig ist das Interesse an Mamas Milch nicht mehr dauerhaft da, weil man ja auch ständig was zu tun und zu entdecken hat. So wandert die Stillbeziehung mit einem Kleinkind ganz automatisch in die Momente, in denen es sich zurück ziehen will, in denen es ruhig ist und in denen man eben nicht in der Öffentlichkeit unterwegs ist.

Fazit

Ein Kleinkind zu stillen war mal überlebensnotwendig. Heute ist es immer noch wertvoll, aber kein Überlebenskriterium mehr. Dennoch halte ich es für extrem wichtig über die Vorzüge sachlich und unaufgeregt zu informieren und es so allen zu ermöglichen, eine fundierte Entscheidung zum Stillen und zur Stilldauer zu treffen. Und diese Entscheidung geht erst mal niemanden was an, außer die Partner*innen in der Stillbeziehung. Und diese sollte akzeptiert und unterstützt werden.

Quellen

  • https://www.still-lexikon.de/empfehlungen-der-who-fuer-die-ernaehrung-gestillter-kinder/
  • https://www.still-lexikon.de/die-weibliche-brust-nahrungsquelle-trostspender-oder-lustobjekt/#Abstillalter

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